Synopsis

Wir befinden uns in Ostpreußen, der Genauigkeit halber in Tilsit an der Memel, wir schreiben das Jahr Achtzehnhundertdazumal.

General Gustaf Karl Ferdinand Nepomuk von Kreutznippel, ein arrivierter schnauzbärtiger Haudegen, für den die schönste Jahreszeit die "Kriegssaison" ist wurde nach einem kleinen Fauxpas mit seinen Truppen und natürlich nicht ohne seinen ergebenen Adjutanten Thomas von Bouwensiepen bis auf weiteres zur Überwachung des nicht sonderlich bewegten Standortes Tilsit beordert. Für den General, eine reine Schikane der militärischen Administration, denn "wer mit dem Heer nicht auf volles Risiko geht, der kann auch nicht gewinnen."

Um diese tief sitzende und ungerechte Ehrabschneidung zu verarbeiten seniert und schwärmt der General unentwegt von seinen mehr oder weniger glaubwürdigen Schlachterlebnissen., schließlich zog er ja nicht nur in die Schlachten zu Jena und Auerstett, Waterloo und Posen, sogar mit Wallenstein stand er im Gefecht, er kennt ihn persönlich und findet ihn "total nett", dass er ihm den Verlust zweier Zehen verdankt stört ihn dabei nicht.

Sein Adjutant Thomas von Bouwensiepen, ein treuer und dienender Frischling aus der Militärakademie zieht mit ihm und freut sich stets wie ein junges Kätzchen, wenn der General mit seinen euphemistischen Vergangenheitsausführungen beginnt. Er möchte es dem General gern recht machen was der General ihm wiederum nicht sehr leicht macht. Thomas ist ein eher zart besaiteter Mensch, der bis Dato keine realen Schlachtsituationen erleben durfte. In seiner Phantasie sitzt er mit dem Herrn General jeden Abend vor einem großen Kaminfeuer und sie erzählen sich schaurige Räuberpistolen. Die Wirklichkeit sieht zum Bedauern des fleißigen Adjutanten aber ganz anders aus, als Zielpunkt der atemberaubend rapide wechselnden Launen des Herrn Generals leidet er wie ein Hund. Wenn der General ihn täglich in der Frühe noch vor Tagesanbruch in den dunklen Wald schickt um die tief im Morast wachsenden Natzwurzeln für seinen Geheimkräutertee auszugraben sehnt er sich nach seinem Elternhaus. Nicht einmal das ganze Rezept für den leckeren Trunk möchte der Herr General ihm verraten. Und trotzdem sind die beiden unzertrennlich, in jeder Schelte des Generals liegt die Essenz tiefster Zuneigung, er will ja nur das Beste für seinen Adjutanten.

Die Truppen des Generals verwahrlosen regelrecht und in Absenz jeglicher ernsthafter Aufgaben verliert sich alle Disziplin und Ordnung, die das Aushängeschild jeder gesunden militärischen Organisation darstellt. Der ursprünglich voller Tatendrang steckende Oberkanonier Rinderle hantiert mit schlampigen Dirnen, Oberst Kunkel und sein Bursche Jaromir schießen auf die Stallkatzen des Kreinerhofs, sogar Adjutant Bouwensiepen hat sich schon beim heimlichen Rauchen auf seiner Kammer vom General erwischen lassen.

Die Bevölkerung von Tilsit, die zuletzt vor 70 Jahren von kriegerischen Wirren heimgesucht wurde erinnert sich noch wie heute an das legendäre Telegramm aus Königsberg, in dem zu jener Zeit die Erklärung des militärisch auszutragenden Konflikts von Seiten einer kleinen Bauern und Gärtnermiliz aus einem kleinen Königsberger Vorort erklärt wurde. Auch dem General und seinem Adjutanten ist dieses Telegramm aufgrund seiner historischen Bedeutung für die Kommune von Tilsit ein Begriff, denn die daraus resultierende Eingemeindung in den Verwaltungsbezirk Oberes Memel-Land sitzt den Tilsitern noch bis heute tief im Mark.

Als der pflichtbewusste und seit einem Monat auch in den Beamtenstatus erhobene Postmeister Max Bimbös in seiner Telegraphenstube beim Synchronstempeln der Tagespost durch das befremdliche Geräusch seiner Telegraphiermaschine erschreckt wird und doch tatsächlich ein Telegramm mit der Aufschrift "FERNSCHREIBER #3, MELDEAMT ZU KÖNIGSBERG" gekabelt wird bricht er in einem Anflug von wirklichem Verantwortungsbewusstsein aus seiner Behäbigkeit und überbringt lauthals schreiend und mit flinken Beinen DAS Telegramm aus Königsberg ins Hauptquartier des Generals. Bei dieser Mission kann ihn nicht einmal der robuste Marktstand der heiteren Marktfrauen Maria und Philippa aufhalten und während auf dem Marktplatz noch die ostpreußischen Kohlköpfe rollen setzt der General beflügelt von dieser eindeutigen Kriegserklärung im Hauptquartier voller Pathos zu den gewichtigen Worten an:

"BOVENSIEPEN, MACHEN SIE MOBIL"

Tja, das der Herr General damit bereits in das nächste strategische Fettnäpfen tritt ist ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.